Der seidene Faden
Vergangenen Donnerstag bin ich am späten Nachmittag in die Schule gefahren. Ich begegne dabei dem pädagogischen Leiter, wir halten kurz an, er im Auto, ich auf dem Fahrrad. Er erzählt mir, dass er eine neue Stelle an einer benachbarten Schule antritt und ich versichere ihm, dass wir ihn noch verabschieden. Zwei Stunden später erfahre ich, dass er bei einem schweren Verkehrsunfall ums Leben gekommen ist. Ich bin wie vor den Kopf gestoßen. Ich bin wohl die letzte Person, die mit ihm gesprochen hat.
Nur zwei Kilometer von seinem Haus entfernt platzt ein Vorderrad an seinem Auto, er verliert die Kontrolle über das Fahrzeug, wird von einem entgegenkommenden großen Lkw überrollt und stirbt sofort. Die Unfallstelle bietet ein Bild des Schreckens.
Der Schock in der gesamten Schulgemeinschaft ist groß. Am Freitag gibt es keinen Unterricht, stattdessen besuchen die Kolleg:innen, die Schulleitung und Klassensprecher:innen die Familie des Verstorbenen. Er hinterlässt eine Frau und fünf Kinder.
Ich bin beeindruckt, wie reibungslos die Trauergemeinde versorgt wird. Nachbarn und Freunde kochen und verteilen Essen an über hundert Gäste. Die Witwe ist ständig von zwei drei Frauen umgeben und muss sich um nichts kümmern. Mehrere Kollegen und Pater Augusto organisieren die bürokratischen Formalitäten und die Überführung des Leichnams in die 700 km entfernte Heimatstadt, wo die Beerdigung stattfinden soll. Sogar Dieselkraftstoff und Lebensmittel werden gespendet und mit dem Sarg verschickt. Hier ist greifbar, mit welch großer Solidarität Trauernden geholfen wird.
